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Soniri der Thronfolger (Korea)

Es war einmal ein weiser, alter König, der ein sehr kleines Königreich gerecht regierte. Seine Untertanen waren zufrieden, lebten in Ruhe und hatten ihr Auskommen. Den König aber quälten düstere Gedanken, und die Sorgenfalten auf seiner Stirn wurden immer tiefer. Es tat ihm leid, dass er keine Kinder hatte. Wem würde er die Königskrone und den Thron vererben? Wer würde sein so gut begonnnenes Werk fortsetzen? Das war es, worüber sich der alte König den Kopf zerbrach. "Nehmt doch ein kluges Kind aus dem Volk an und erzieht es als Euren Nachfolger!", empfahlen seine Ratgeber. Der König aber zögerte. Von allen Seiten drängten ihm die Höflinge ihre Kinder auf, deren Fähigkeiten sie in höchsten Tönen priesen. Wie aber sollte sich der König davon überzeugen, welches Kind geeignet war, die Königskrone zu tragen? Eines war sicher - sein Nachfolger sollte weise und gerecht sein, aber vor allem wahrheitsliebend.

 

Der alte König überlegte so lange, bis er eine Lösung wusste. Er rief die Kinder aus der ganzen Umgebung zu sich und gab jedem Knaben und jedem Mädchen einige Samen in die Hand. Er sprach: "Legt diese Samen in einen Blumentopf und betreut sie gut. Wer von euch die schönsten Blumen züchtet, den will ich als Sohn oder Tochter annehmen." Die Kinder liefen mit den Samen nach Hause. Sie verschafften sich Blumentöpfe und gute Erde, säten die Samen und betreuten sie. Und jedes Kind sah sich schon als Prinz oder Prinzessin im königlichen Palast.

 

Auch Soniri, einer der Knaben, wollte sich nicht beschämen lassen. Er nahm einen grossen Blumentopf, legte vorsichtig die Samen in die Erde und begoss sie morgens und abends. Er widmete dem Blumentopf seine ganze Zeit und sein ganzes Herz. Er wartete ungeduldig auf die ersten zarten Blättchen - aber vergebens. Es verging eine Woche und noch viele Tage - in seinem Blumentopf aber zeigte sich keine Veränderung. Er versuchte die Samen umzusetzen, aber es half nicht: Die Samen wollten nicht aufgehen.

 

Endlich kam der Tag, an dem der König die Blumen besichtigen wollte. Schon im Morgengrauen hatten sich viele Kinder auf der Strasse vor dem Palast versammelt. Sie waren alle festlich gekleidet und umklammerten ihren Blumentopf. Auch viele Erwachsene hatten sich eingfunden und warteten gespannt darauf, welche Blumen in den Augen des Königs die schönste war. Zum Klang der Trommeln und Pfeifen bahnte die königliche Wache den Würdenträgern den Weg. An der Spitze schritt der König und besichtigte aufmerksam jeden einzelnen Blumentopf. Beide Seiten der Strasse waren mit wunderschönen Blumen gesäumt. Rosa Azaleen, scharlachroter Mohn, blaue Glockenblumen, die grossen Kugeln der Pfingstrosen, feuerfarbene Lilien, Maiglöckchen weiss wie Perlen - es war ein einzigartiger Anblick! Und ein leichter Wind trug den betäubenden Duft von tausend Blüten in die Umgebung. "Seht nur, allergnädigster König, ist das nicht eine herrliche Blüte?" versuchten die Ratgeber die Aufmerksamkeit des Königs auf die einer oder andere Blume zu lenken. Doch auf dem Anlitz des alten Königs bereitete sich eine immer grössere Enttäuschung aus. Teilnahmslos sah er auf die schönsten Schöpfungen der Natur und das Ergebnis des Fleisses der kleinen Gärtner. Und die Sorgenfalten auf seiner Stirn wurden immer tiefer.

 

Auf einmal fesselte aber etwas seinen Blick. Ganz am Ende der Strasse sass ein kleiner Knabe und weinte. Auf dem Schoss hielt er einen grossen Blumentopf, in dem sich nichts als Erde befand. Der Knabe hiess Soniri. "Führt diesen Jungen zu mir!", befahl der König. Als man Soniri zu ihm brachte, fragte der König ihn streng: "Warum ist dein Blumentopf leer?" Da erzählte Soniri dem König, wie sehr er sich bemüht habe, aus dem Samen eine Blume zu züchten. Aber alle Mühe sei umsonst gewesen - aus den seltenen Samen des Königs wollte nichts wachsen. Vielleicht sei das die Strafe dafür, dass er im Garten des Nachbarn einmal Äpfel gestohlen habe, schluchzte der Knabe.

 

Bei der Antwort Soniris erhellte sich das Anlitzs des Königs. Freudig zog er den Knaben an sich und sprach: "Im ganzen Königreich gibt es keinen aufrichtigeren Knaben als Soniri. Er allein verdient es, mein Sohn und Thronfolger zu werden!" Unter den versammelten Erwachsenen erhoben sich unzufriedene Stimmen: "Weshalb wollt ihr einen Knaben als Sohn annehmen, der nur einen leeren Blumentopf hat?" "Hört mich an, Untertanen!", sprach da der König. "Alle Samen, die ich an die Kinder verteilte, habe ich vorher gekocht. Sie konnten also gar nicht aufgehen." Da verstanden die Leute die Absicht des weisen Königs und sie nickten zustimmend. Die Kinder mit den blühenden Blumen aber senkten die Augen und ihre Wangen brannten vor Scham. Freilich, auch bei ihnen waren die Samen nicht aufgegangen, aber aus Sehnsucht Prinz oder Prinzessin zu werden, hatten sie zu einem Betrug Zuflucht genommen und insgeheim die unfruchtbaren Samen mit anderen vertauscht.

 

So kam Soniri als des Königs Nachfolger ins Schloss. Nach dem Tod des alten Königs wurde er König und regierte das Land genau so gerecht und weise. Und allen Menschen in seinem Volk ging es gut.


Was für ein wunderschönes Frühlingsmärchen. Das Pflanzen der Blumensamen, all die verschiedenen wunderschönen farbigen Blumen mit ihren einzigartigen Düften. Eines der Märchen, welche ich Kindern am Liebsten erzähle. Es bieten sich so viele Möglichkeiten an, das Märchen mit allen Sinnen zu erleben: Selber Blumensamen zu pflanzen, Blumen an ihrem Duft zu erkennen, Blumenbilder zu malen, ein Frühlingsspaziergang ...

 

Gespannt lauschen die Kinder jeweils der Geschichte, leiden mit Soniri, der alles tut, damit in seinem Blumentopf etwas wächst. Ein Gefühl, das viele Kinder kennen. Wem gelingt schon alles gerade beim ersten Versuch? Dann die Überraschung: Der König wählt den Jungen ohne Blume im Topf. Weshalb nur? Und schliesslich das Lächeln, wenn die Kinder verstehen, wie weise der König tatsächlich gehandelt hat und dass Soniri wegen seiner aufopfernden Hingabe und Ehrlichkeit zum neuen König auserwählt wurde. 

 

Ist das nicht eine wunderbare Botschaft für Kinder? Dass sich Arbeit, die man liebt und aus vollstem Herzen tut, schlussendlich auszahlt? Dass Ehrlichkeit und das Eingestehen der eigenen Schwächen, des eigenen Versagens, viel mehr Grösse und Mut beweist, als ein ein Vertuschen oder eine Lüge?

 

Welches ist dein liebstes Frühlingsmärchen?

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