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Das Schloss der 1000 Spiegel (N.K)

Vor langer Zeit lebte einmal ein Mädchen mit ihren Eltern in einem kleinen Häuschen am Waldrand. Sie hatten kein einfaches Leben, aber sie waren zufrieden.

 

Als das Mädchen älter wurde, da wollte es seinGlück in der grossen Welt suchen und hat es sich mit einem schweren Herzen von seinen Eltern verabschiedet.

 

Es ging einen Weg entlang und wusste gar nicht, wohin es gehen soll. Und so liess es sich von seinem Herzen führen.

 

Irgendwann, da kam es in einen Wald. Weil es müde war, setzte es sich auf einen Baumstrunk. Plötzlich kam ein Windstoss und wirbelte viele Blätter vom Boden auf. Da bemerkte das Mädchen direkt neben sich eine Falltür die vorhin unter Blättern versteckt gewesen war. Unter grosser Anstrengung öffnete es die Falltür und sah, dass eine Treppe in die Tiefe führte. Neugierig ging es die Treppe runter.

 

Unten kam es in einen Saal und in der Mitte dieses Saales sass eine grosse alte Kröte. Die Kröte sprach: «Es ist gut, dass du endlich da bist. Ich habe lange auf dich gewartet. Komm zu mir in die Lehre und es soll dir an nichts fehlen!»

 

Das Mädchen fasste Vertrauen zur Kröte und begab sich zu ihr in die Lehre. Es durfte viel von der Erdmutter lernen und nachdem das erste Lehrjahr vorüber war, erhielt das Mädchen von der Kröte ein Geschenk. 

 

«Dieser Handspiegel zeigt dir immer die Wahrheit, selbst wenn deine Augen dich täuschen sollten.», sprach die Kröte und das Mädchen bedankte sich bei ihr.

 

Es verging ein weiteres Jahr und am Ende dieses Lehrjahres erhielt das Mädchen wiederum ein Geschenk. Es war ein Schlüssel an einer Kette.

 

«Mit diesem Schlüssel öffnest du jede Tür!», sprach die Kröte und das Mädchen bedankte sich bei ihr und legte sich die Kette mit dem Schlüssel um den Hals.

 

Dann blieb das Mädchen noch ein drittes Jahr bei der Kröte und als das dritte Jahr um war, da sprach die Lehrmeisterin: «Du hast viel gelernt in den letzten Jahren. Ich habe noch ein letztes Geschenk für dich!» Und die Kröte gab dem Mädchen einen Ring.

 

«Wenn du diesen Ring an deinem Finger drehst und dabei an einen Ort denkst, so wirst du dich sofort dort wieder finden.»

 

Das Mädchen bedankte sich unter Tränen bei der Kröte und verabschiedete sich von ihr. Dann ist es die Treppe hochgestiegen und durch die Falltür in den Wald zurück gekommen.

 

Es machte sich auf den Weg in die nächste Stadt, um Arbeit zu finden.

 

Als es endlich in der nächsten Stadt angekommen war, da flüsterten die Bewohner der Stadt aufgeregt miteinander. Bald erzählten ihm die Leute, was Schreckliches geschehen war.

 

Der einzige Sohn des Königs war von einem Drachen entführt worden und bisher hatte es niemand geschafft ihn zu retten. Der König war so verzweifelt, dass er demjenigen, der seinen Sohn heil zurück bringe eine fürstliche Belohnung versprach.

 

Das Mädchen hatte grosses Mitleid mit dem König und so begab es sich ins Schloss und fragte den König, wie es helfen könne. Der König sah wohl, dass das Mädchen sein Herz am richtigen Fleck trug, doch er erklärte traurig: «Ich danke dir, dass du helfen willst. Doch du musst wissen, dass schon viele tapfere Helden und Heldinnen versucht haben, meinen Sohn zu finden. Aber bisher ist es noch niemandem gelungen das Schloss der 1000 Spiegel überhaupt zu finden. Und dort wird mein Sohn von einem Drachen gefangen gehalten. Immerhin das weiss ich.»

 

«Herr König», antwortete da das Mädchen, «ich will versuchen Ihren Sohn zu befreien!»

 

Und es machte sich auf den Weg zum Schloss der 1000 Spiegel. Aber wie der König bereits erklärt hatte, konnte niemand sagen, wo sich dieses Schloss befand. Irgendwann verzweifelte es und war sich sicher, dass es dieses Schloss nie finden würde.

 

Und als es nicht mehr weiterwusste, da fiel sein Blick auf seine Hand und auf den Ring der Kröte. Das Mädchen begann zu lächeln, schloss ihre Augen, drehte an dem Ring und dachte: «Ich will zum Schloss der 1000 Spiegel.» Als es die Augen wieder öffnete das stand es auf einem riesigen Felsen im Meer, direkt vor einem grossen Schloss. Es schritt durch ein Tor in den Schlosshof und hörte ein mächtiges Brüllen. «Das muss der Drache sein, der den Königssohn entführt hat.», dachte es bei sich. Doch es liess sich von dem Gebrüll nicht beirren und schritt mutig weiter.

 

Als es schliesslich ins Schloss trat, wurde es still. Ganz still sogar. Wo es auch hinkam und welches Zimmer es auch nach dem Königssohn absuchte, es traf auf keine Menschenseele. Das Schloss war wie ausgestorben. Irgendwann, da kam es zu einer riesigen Tür aus Glas. Und es sah, dass sich hinter der Tür ein Saal voller Spiegel befand. Spiegel in jeder Grösse und von jeder Form.

 

Als es versuchte in den Spiegelsaal zu gelangen, merkte das Mädchen, dass der Saal geschlossen war. Es klopfte an die Glastür. Alles blieb ganz still. Und als es nochmals durch die Glastür schaute, da klirrte etwas leise. Das Mädchen sah, dass die Kette, welche es um den Hals trug kaputtgegangen war und der Schlüssel der daran hing auf dem Boden lag. Nachdenklich hob das Mädchen den Schlüssel auf und erinnerte sich an die Worte der Kröte. Es suchte nach einem Schlüsselloch und steckte dann seinen Schlüssel rein und drehte. Die Tür ging auf.

 

Das Mädchen schlich in den Spiegelsaal. Dann hörte es plötzlich schwere Schritte und ein riesiger Drache stand im nächsten Augenblick vor ihm und brüllte: «Was suchst du hier? Sag schnell, sonst fress ich dich!»

 

Das Mädchen nahm seinen ganzen Mut zusammen und antwortete: «Ich suche den Königssohn, den du entführt hast. Ich habe das ganze Schloss abgesucht und ihn nirgends gefunden. Ich weiss, dass du ihn in diesem Saal versteckt hältst!» Der Drache schüttelte seinen grossen Kopf und brüllte: «Siehst du hier drin etwa einen Königssohn? Er ist nicht hier und wenn du nicht sofort abhaust, dann wird es dir schlimm ergehen!» Das Mädchen wollte aber nicht aufgeben. Es konnte sehen, dass sich der Königssohn wirklich nicht in dem Saal befand. Schliesslich hätte es ihn sonst in einem der vielen Spiegel gesehen.

 

Mutig drehte es sich nochmals zu dem Drachen um und rief: «Irgendetwas stimmt hier nicht, Drache. Du sagst nicht die Wahrheit!»

 

Dann fiel ihm der Spiegel ein, den es nach dem ersten Lehrjahr von der Kröte geschenkt bekommen hatte. Der Spiegel, der immer die Wahrheit zeigt. Es holte ihn hervor und schaute hinein. Aber es sah nur sich selber im Spiegel. Dann drehte es sich um und erschrak. Seine Augen wurden tellergross. Denn im Handspiegel sah das Mädchen hinter sich einen schönen jungen Mann mit einer Krone auf dem Kopf, der es aus traurigen Augen anblickte. Verwirrt schaute das Mädchen über seinen Rücken. Da lag noch immer der Drache auf dem Boden und jetzt kam Rauch aus seinen Nüstern, so wütend war er. 

 

Da traf das Mädchen eine Entscheidung. Es entschied sich dafür, auf sein Herz und den Spiegel der Wahrheit zu hören. Es holte tief Luft und verbeugte sich vor dem Drachen und sagte: «Wenn du mich töten willst, dann tu das. Aber du sollst wissen, dass ich einen weiten Weg auf mich genommen habe und deinem Vater versprochen habe, dich zu retten. Denn du bist der Königssohn!»

 

Im nächsten Moment begann der Drache zu leuchten. Er leuchtete heller und heller, bis das Mädchen die Augen schliessen musste. Als das Leuchten aufhörte und es die Augen öffnete, da stand anstelle des Drachen jener junge Mann vor ihr, den es zuvor im Spiegel gesehen hatte. Der junge Mann blickte verwundert auf seine Hände. Dann rannte er zum Mädchen, umarmte es und sagte: «Danke, dass du nicht aufgegeben hast. Ich wurde in einen Drachen verwandelt und niemand wusste davon. Nur jemand mit einem reinen Herzen, der die Wahrheit erkennt, konnte mir erlösen!»Das Mädchen freute sich sehr. Dann nahm es den Königssohn an der Hand, drehte seinen Ring und wünschte sich vor das Schloss des Königs.

 

Kurze Zeit später, standen die beiden vor dem König selbst und der war überglücklich, seinen Sohn endlich wieder in die Arme schliessen zu dürfen.

 

Ein paar Tage später, gab es auf dem Schloss ein grosses Fest. Auch die Eltern des Mädchens wurden eingeladen. An diesem Fest wurde das Mädchen vom König reich beschenkt.

 

Mit dem Gold, welches das Mädchen vom König bekommen hatte, half es in den nächsten Jahren vielen Menschen, denen es nicht so gut ging. Sein guter Freund, der Königssohn, stand dabei immer treu an seiner Seite. Und dem Mädchen und allen Menschen in diesem Land ging es sehr gut.


Wie du vielleicht dem Titel entnommen hast, ist das Märchen des Monats kein Volksmärchen sondern ein Kunstmärchen. Und wenn wir gerade dabei sind, hast du dir sicher schon gedacht, dass die Initialien hinter dem Märchen "N.K." ja meine Initialen sind. Es ist immer ziemlich speziell, wenn ich ein Märchen veröffentliche, das aus meiner Feder stammt. Denn grundsätzlich bin ich der Meinung, dass viele Kunstmärchen den Volksmärchen nicht das Wasser reichen können. Dass es die Volksmärchen sind, die seit Generationen mehr oder weniger gleich weitererzählt werden, jene sind die Kinder von heute kennen lernen sollten. Dies aus verschiedenen Gründen.

Aber diesen Monat mache ich eine Ausnahme, denn Ende November kommt meine zweite CD heraus mit Drachenmärchen! Und als ich vor fast einem Jahr begonnen hatte, Drachenmärchen zu suchen für die CD, da fand ich irgendwie kein drittes Volksmärchen, das mir so gut gefiel, dass es auf die CD sollte. Versteh mich nicht falsch, ich fand einige die ich gut hätte aufnehmen können, aber der Funke sprang irgendwie nicht ganz rüber. Es war mir wichtig, dass eines der drei Märchen eine "Heldin" hat und eine andere Seite von einem Drachen zeigt. Und da ich halt kein passendes Märchen fand, schrieb ich eines. Es ist ein "leises/ruhiges" Märchen. Vorallem verglichen mit den anderen beiden auf der CD. Und doch hoffe ich, dass jeder etwas daraus ziehen kann.

 

Das Mädchen der Geschichte verbrachte 3 Jahre unter der Erde und wurde von der Erdmutter schlechthin, der Kröte, unterrichtet. Wir wissen nicht genau, was sie gelernt hat, aber sie erhält jedenfalls 3 Geschenke, welche ihr helfen, ihr Leben und das Leben vieler anderer positiv zu beeinflussen. Dies tut sie nicht durch Kämpfe sondern mit Mut und dem Vertrauen in sich selbst und in ihr Herz. Ich wollte damit eine Heldin beschreiben, von denen es viele unter uns gibt: Frauen wie auch Männer. Das sind jene, die kein grosses Aufheben um sich machen, aber doch immer dann zur Stelle sind, wenn sie gebraucht werden. Wir sehen euch, die stillen Helden, und ich danke euch, dass ihr da seid!

 

Diesen Monat gibt es keine grossen Ideen, was ihr mit der obigen Geschichte anstellen könntet. Dafür habe ich zu wenig Abstand von dem Märchen. Aber ich hoffe, dass es euch gefällt.

 

Jetzt in der dunklen Jahreszeit ist eindeutig wieder die Zeit der Märchen und Geschichten gekommen. Die Zeit, in der wir uns Zeit nehmen (können). Geniesst es!

 

Und bestellt/kauft die Drachen-CD!

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