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Väterchen Naum (Russland, Version von Gidon Horowitz)

In einem fernen Land regierte einst ein Zar, der war nicht verheiratet, aber er hatte zwölf Jäger. An sechs Tagen in der Woche jagten die Jäger für den Zaren, und was immer sie an diesen Tagen erlegten, gehörte ihm. Am siebenten Tag aber durften sie für sich selber jagen.

 

Der Jüngste der zwölf, der zugleich auch der geschickteste war, hiess Andrej. An den sechs Tagen, da er für den Zaren unterwegs war, entging kein Tier, das er nur von Ferne erblickte, seinen Pfeilen. Am siebenten Tag aber erblickte er niemals auch nur ein einziges Tier, und so kehrte er abends hungrig zu seiner kleinen Hütte im Wald zurück. Eines solchen Abends, nachdem er wieder einen Tag erfolglos durch den Wald gestreift war, erblickte Andrej auf einem Ast nahe dem Weg eine weisse Taube, die da im Schein der Abendsonne sass. ‚Nun ja', dachte er, ‚viel ist es ja nicht, aber zumindest eine Kleinigkeit zum Abendessen.' Er legte an und schoss. Sein Pfeil traf die Taube im linken Flügel, und sie fiel zu Boden.

 

Doch als Andrej hinzutrat, um sie vollends zu töten, sprach sie ihn mit menschlicher Stimme an. „Töte mich nicht, Andrej“, sagte sie. „Nimm mich vielmehr mit heim zu dir, setze mich aufs Fensterbrett und stosse mich dann mit der linken Hand herunter. Du wirst sehen, was dann geschieht, und du kannst dann immer noch entscheiden, ob du mich töten willst oder nicht.“ Andrej war erstaunt, fand aber, dass die Taube durchaus Recht hatte. So trug er siebehutsam nach Hause, setzte sie dort aufs Fensterbrett und stiess sie mit der linken Hand herunter. Als aber die Taube den Boden berührte, da verwandelte sie sich in eine zauberhaft schöne junge Frau. Die sprach: „Ich bin die schöne Jelena. Durch deine Hilfe habe ich mich von der Tauben-in die Menschengestaltverwandelt. So will ich bei dir bleiben als deine Frau, wenn du das möchtest.“

 

Das war keine Frage mehr -natürlich wollte Andrej. Und so blieb die schöne Jelena bei ihm und wurde seine Frau. Nach ein paar Tagen fragte sie Andrej: „Wie kommt es, dass wir in solcher Armut leben? Du bist doch ein geschickter und mutiger junger Mann.“ Da erzählte er ihr, weshalb er so arm war –wenn er für sich selber jagen durfte, hatte er noch kein einziges Tier erlegt. „Höre“, sprach die schöne Jelena. „Geh zu deinen Freunden und borge dir hundert Rubel aus. Damit kaufe auf dem Markt Seide in den verschiedensten Farben und bringe sie mir.“ Andrej ging zu seinen Freunden. Der eine borgte ihm sieben Rubel, ein anderer zwei, ein dritter vier und so fort, bis er hundert Rubel beisammen hatte. Damit kaufte er Seide in den verschiedensten Farben und brachte sie abends der schönen Jelena. Nachdem Andrej eingeschlafen war, holte die schöne Jelena aus ihrem Gewand ein schön gesticktes Tuch hervor, breitete es auf dem Boden der Hütte aus und öffnete die Tür. Nach kurzer Zeit kam eine grosse Kröte hereingekrochen. Sie setzte sich auf das schöne Tuch, schaute Jelena an und fragte: „Was befiehlst du, schöne Jelena?“

 

„Ich möchte aus dieser Seide hier einen Teppich anfertigen, wie er bei meinen Eltern daheim an der Wand hängt. Bitte hilf mir dabei!“ antwortete die schöne Jelena. „Das will ich gerne tun“, erwiderte die Kröte. Und die beiden setzten sich und begannen aus der Seide einen Teppich zu weben, auf dem das ganze Zarenreich abgebildet war, jede Stadt, jedes Dorf, jedes Haus sogar, jeder Wald und jede Wiese, jeder Berg und jeder Fluss und ringsherum Sonne, Mond und Sterne in ihrem Lauf. Gegen Morgen war der Teppich fertig. Die schöne Jelena bedankte sich, und die grosse Kröte kroch davon.

 

Als Andrej aufstand, zeigte Jelena ihm den Teppich und sprach: „Nun geh auf den Markt und verkaufe diesen Teppich. Du darfst aber keinen Preis dafür verlangen. Nimm das, was dir zuerst dafür geboten wird.“ Andrej nahm den Teppich und ging auf den Markt. Als er den Teppich dort ausbreitete, kamen die Händler in Scharen herbei und bestaunten das Kunstwerk. Etwas Derartiges hatten sie noch nie gesehen. „Der ist mindestens tausend Rubel wert!“ rief der eine. „Was tausend“, unterbrach ihn ein zweiter, „mindestens zweitausend, wenn nicht mehr!“ „Fünftausend!“ rief ein dritter dazwischen, und so stritten sie lange Zeit, ohne sich auf einen Preis einigen zu können. Und es wurden ihrer immer mehr, die um den Teppich standen, staunten und feilschten. Zu dieser Stunde fuhr der oberste Minister des Zaren in seiner prunkvollen Kutsche über den Marktplatz. Als er die Schar der Händler sah, liess er anhalten um zu sehen, worum sie stritten. Die Händler machten ihm Platz, und er erblickte den wunderbaren Teppich. „Hier hast du zehntausend Rubel dafür“, sagte er zu Andrej. Der verneigte sich und nahm das Geld, und der Minister liess den Teppich auf seine Kutsche aufladen und fuhr weiter zum Palast des Zaren.

 

 „Nun, mein Lieber, was hast du heute Neues gesehen oder gehört?“ empfing ihn der Zar. „Ich habe einen Teppich erstanden“, erwiderte der Minister, „auf dem ist Euer ganzes Reich abgebildet, jede Stadt, jedes Dorf, jedes Haus sogar, jeder Wald und jede Wiese, jeder Berg und jeder Fluss und ringsherum Sonne, Mond und Sterne in ihrem Lauf.“ „Hm“, meinte der Zar, „eigentlich sollte dieser Teppich mir gehören. Wieviel hast du denn dafür bezahlt?“ „Zehntausend Rubel“, antwortete der Minister. „Gut“, sprach der Zar. „Hier hast du fünfundzwanzigtausend, und wir reden nicht mehr davon.“ Der Minister nahm das Geld und dachte: ‚Morgen gehe ich zur Frau des Jägers Andrej und lasse mir von ihr einen anderen Teppich anfertigen.’

 

Und am nächsten Tag ging er in den Wald und klopfte an die Tür der kleinen Hütte. Die schöne Jelena öffnete ihm. Doch als er sie erblickte, riss der Minister die Augen und den Mund auf und brachte kein Wort mehr hervor. Einen Fuss hatte er schon über die Schwelle gesetzt, der andere war noch draussen. So stand er da, unfähig sich zu bewegen oder etwas zu sagen. Und da er so stumm und regungslos dastand, schob ihn die schöne Jelena schliesslich zur Hütte hinaus und schloss die Tür wieder. Von dieser Stunde an war es um die Ruhe des Ministers geschehen. Tag und Nacht konnte er an nichts Anderes mehr denken als an die schöne Frau des Jägers Andrej. Er wollte sie für sich haben, doch wie sollte er das anstellen? Er wusste es nicht, und über diesen Gedanken wurde er ganz trübsinnig. Nach einigen Tagen bemerkte es sogar der Zar. „Was ist denn los mit dir, mein Lieber?“ fragte er. „Seit ein paar Tagen schleichst du umher, als wäre dir etwas Schreckliches geschehen.“ „Ach“, antwortete der Minister. „Wenn Eure Augen gesehen hätten, was meine gesehen, dann wäret Ihr Eures Lebens auch nicht mehr froh.“ „Was hast du denn gesehen?“ wollte der Zar wissen. „Fragt besser nicht“, erwiderte der Minister seufzend. Aber damit machte er den Zaren erst recht neugierig.

 

 Der gab keine Ruhe, bis ihn der Minister zu dem Häuschen im Wald führte und ihn an der Tür klopfen hiess. Die schöne Jelena öffnete, und als der Zar sie erblickte, riss er Augen und Mund auf und brachte kein Wort mehr hervor. Den einen Fuss hatte er schon über die Schwelle gesetzt, der andere war noch draussen. Stumm und regungslos stand er da, und so schob ihn die schöne Jelena schliesslich wieder hinaus und schloss die Tür hinter ihm. Von dieser Stunde an war es auch um die Ruhe des Zaren geschehen, Tag und Nacht dachte er an die schöne Frau des Jägers Andrej. Er wollte, er musste sie für sich haben. Der Jäger Andrej musste verschwinden. „Du hast mir diese Sache eingebrockt“, sagte er zu seinem Minister. „Nun schaffe mir auch Abhilfe. Denke dir etwas aus, einen schweren Auftrag für den Jäger Andrej, so schwer, dass er davon nicht wiederkehrt.“ „Ja Herr“, antwortete der Minister und verliess den Palast. Er ging durch die Strassen der Stadt, doch sein Kopf war leer. Er kam aufs freie Feld und in den Wald. Ziellos streifte er durch den Wald und gelangte schliesslich zu einer Lichtung. Er erblickte ein Häuschen auf Hühnerfüssen, das sich im Kreise drehte.

 

Als er nähertrat, blieb es mit dem Eingang zu ihm stehen, und er trat ein. Drinnen sass die Baba Jaga, uralt. Sie blickte ihn forschend an und fragte: „Was suchst du hier bei mir im Wald?“ „Was geht das dich an?!“ erwiderte er barsch. „Helfen kannst du mir auch nicht.“ „So?“ meinte sie spöttisch. „Du suchst doch eine Aufgabe für den Jäger Andrej, so schwer, dass er davon nicht zurückkehrt.“ „Das stimmt“, antwortete der Minister erstaunt. „Woher weisst du das?“ „Oh“, meinte die Baba Jaga, „ich weiss noch viel mehr. Ich weiss zum Beispiel, dass der Jäger Andrej ein einfacher, dummer Kerl ist, der von vielen Dingen keine Ahnung hat. Seine Frau aber, die ist mächtig und weise. Wir müssen also eine Aufgabe finden, die sie nicht erfüllen kann.“ Die Baba Jaga überlegte ein Weilchen, dann fuhr sie fort: „Sagt ihm doch, er solle von der kupfernen Insel weit draussen auf dem Meer das Schaf mit dem goldenen Vlies holen. Es steht dort an einer silbernen Säule festgebunden. Wenn es blökt, muss im Umkreis von hundert Werst jeder lachen. Diese Aufgabe werden sie nicht lösen können.“

 

Der Minister hatte noch nie etwas von dieser kupfernen Insel gehört, geschweige denn von dem Schaf mit dem goldenen Vlies. So fand er den Vorschlag vortrefflich. Er bedankte sich bei der Baba Jaga und machte sich vergnügt auf den Rückweg zum Palast. Dem Zaren war dieses Schaf ebenso wenig bekannt, und so fand auch er den Vorschlag gut. Er liess den Jäger Andrej rufen und sprach: „Mein lieber Andrej! Du hast mir schon manchen wertvollen Dienst erwiesen, und so habe ich heute eine ganz besondere Aufgabe für dich. Du wirst zur kupfernen Insel fahren, die weit draussen auf dem Meer liegt, und mir von dort das Schaf mit dem goldenen Vliesbringen. Es ist an einer silbernen Säule festgebunden, und wenn es blökt, muss im Umkreis von hundert Werst jeder lachen. Für diesen Dienst werde ich dich mit tausend Rubel belohnen. Aber wage es ja nicht, ohne dieses Schaf wieder vor mir zu erscheinen!“

 

Andrej verbeugte sich und ging bestürzt davon. Er hatte keine Ahnung, wo sich diese kupferne Insel befand. ‚Ich werde viele Jahre unterwegs sein und vielleicht nie wieder nach Hause zu meiner Frau zurückkehren’, dachte er betrübt. So kam er ganz niedergeschlagen heim, und die schöne Jelena fragte ihn: „Was ist denn los mit dir?“ Da erzählte er ihr vom Auftrag des Zaren und von seinen Sorgen. „Ach Andrej!“ lachte da die schöne Jelena. „Das ist doch keine schwere Aufgabe, sondern eine Kleinigkeit, deretwegen du dir keine Sorgen machen musst. Schau, jetzt ist es spät und Zeit schlafen zu gehen. Der Morgen ist weiser als der Abend. Morgen werden wir weitersehen.“

 

Und Andrej vertraute seiner Frau und ging schlafen. Sowie er eingeschlafen war, holte sie ihr fein gesticktes Tuch hervor, breitete es auf dem Boden der Hütte aus und öffnete die Tür. Nachkurzer Zeit kam die grosse Kröte hereingekrochen, setzte sich auf das schöne Tuch und fragte: „Was befiehlst du, schöne Jelena?“ „Mein Mann, der Jäger Andrej, soll für den Zaren das Schaf mit dem goldenen Vlies von der kupfernen Insel holen. Es steht dort an einer silbernen Säule festgebunden. Wenn es blökt, muss im Umkreis von hundert Werst jeder lachen. Kannst du ihm dabei helfen?“ „Wegen einer solchen Kleinigkeit störst du mich?“ brummte die Kröte. „Aber gut, ich will euch helfen.“ Und sie kroch davon und kehrte nachkurzer Zeit mit dem gewünschten Schaf zurück. Die schöne Jelena bedankte sich. Sie band das Schaf neben dem Bett fest und legte sich auch schlafen.

 

Als der Jäger Andrej am nächsten Morgen erwachte und das Schaf mit dem goldenen Vlies erblickte, glaubte er zuerst noch zu träumen. Aber dann machte er sich voller Freude auf den Weg zum Zaren. Der Zar empfand keine besondere Freude, als er sah, dass Andrej die schwierige Aufgabe so rasch gelöst hatte. Aber erzeigte seinen Ärger nicht. „Gut hast du das gemacht, mein lieber Andrej“, sprach er. „Hier hast du deine Belohnung, und nun geh! “Dann rief er den Minister zu sich. „Du hast deine Sache nicht gutgemacht“, knurrte er zornig. „Du solltest dir etwas Schweres ausdenken, eine Aufgabe, von der der dumme Kerl nichtwiederkehrt. Nun geh und denk dir etwas Besseres aus!“

 

Der Minister ging. Er versuchte zu denken, aber sein Kopf war leer. Ziellos irrte er durch die Strassen der Stadt, gelangte aufs freie Feld und schliesslich in den Wald. Nach einer Zeit kam er wieder zu einer Lichtung und erblickte ein kleines Häuschen auf Hühnerfüssen, das sich im Kreise drehte. Es blieb mit dem Eingang zu ihm stehen, und er trat ein. Drinnen sass die Baba Jaga, ururalt. Sie blickte ihn forschend an und fragte: „Was suchst du hier bei mir im Wald?“ „Du!“ rief er voller Zorn. „Wegen deiner schlechten Ratschläge muss ich schon wieder umherirren und mir den Kopf zerbrechen. Heute schon brachte der Jäger Andrej dieses elende Schaf mit dem goldenen Vlies!“ „Langsam, langsam“, antwortete die Baba Jaga. „Ich habe dir noch gar keinen Ratschlag gegeben. Du warst gestern bei meiner jüngeren Schwester. Und sie hat dir ja auch gesagt, dass der Jäger Andrej von all diesen Dingen nichts versteht. Es ist seine Frau, die klug und weise ist. Wir müssen also etwas noch Schwierigeres finden.“ Sie überlegte eine Weile, dann fuhr sie fort: „Sagt ihm doch, er soll dem Zaren den Kater Bajun bringen. Der befindet sich auf der silbernen Insel, noch weiter draussen auf dem Meer. Er lebt dort auf einem goldenen Baum. Klettert er am Stamm hinauf, so singt er Lieder, klettert er hinunter, so erzählt er Märchen, und wenn er schnurrt, muss im Umkreis von hundert Werst jeder einschlafen. Diesen Kater zu holen werden sie nicht zustande bringen.“

 

Der Minister hatte von diesem Kater noch nie etwas gehört. Er fand den Rat gut, bedankte sich bei der Baba Jaga und machte sich auf den Rückweg zum Palast. Auch dem Zaren war der Kater Bajun völlig unbekannt. Er rief sogleich Andrej und sprach: „Mein lieber Andrej! Da du so tüchtig bist, habe ich noch einmal eine ganz besondere Aufgabe für dich. Du wirst auf die silberne Insel fahren, die weit draussen auf dem Meer liegt, und mir von dort den Kater Bajun holen. Er lebt dort auf einem goldenen Baum. Klettert er am Stamm hinauf, so singt er Lieder, klettert er hinunter, so erzählt er Märchen, und wenn er schnurrt, muss im Umkreis von hundert Werst jeder einschlafen. Für diesen Dienst erhältst du zweitausend Rubel. Aber wage es ja nicht, ohne den Kater Bajun wieder vor meinen Augen zu erscheinen.“ „Ja Herr“, antwortete Andrej und ging bestürzt davon. Wie sollte er diese Insel und den Kater je finden?

 

Abends kehrte er voller Kummer in seine Hütte im Wald zurück. „Weshalb bist du so traurig?“ fragte ihn Jelena. Da erzählte er ihr vom neuen Auftrag des Zaren und von seinen Sorgen. „Wer weiss, ob wir uns je wiedersehen“, schloss er. „Ach Andrej!“ antwortete die schöne Jelena und lächelte. „Das ist doch keine schwere Aufgabe, sondern eine Kleinigkeit, deretwegen du dir keine Sorgen machen musst. Schau, jetzt ist es spät und Zeit schlafen zu gehen. Der Morgen ist weiser als der Abend. Morgen werden wir weitersehen.“ Andrej vertraute seiner Frau und ging schlafen. Sowie er eingeschlafen war, holte sie wieder ihr gesticktes Tuch hervor, breitete es auf dem Boden der Hütte aus und öffnete die Tür. Nach kurzer Zeit kam die grosse Kröte hereingekrochen und fragte: „Was befiehlst du, schöne Jelena?“ „Mein Mann, der Jäger Andrej, soll dem Zaren den Kater Bajun von der silbernen Insel weit draussen auf dem Meerbringen. Kannst du ihm dabei helfen?“ „Wegen einer solchen Kleinigkeit störst du mich?“ brummte die Kröte. „Aber gut, ich will euch helfen.“ Sie kroch davon und kehrte nach kurzer Zeit mit dem Kater Bajun zurück.

 

Als Andrej am nächsten Morgen mit dem Kater vor dem Zaren erschien, konnte der seinen Ärger nur mit Mühe verbergen. Er gab Andrej die versprochene Belohnung und schickte ihn fort. Dann rief er seinen Minister. „Wenn du so weitermachst, dann bist du die längste Zeit mein Minister gewesen!“ sprach er voller Zorn. „Geh und denk dir etwas aus, so dass der elende Kerl nicht wiederkehrt!“ Der Minister ging, doch sein Kopf war leer. Alles, was er denken konnte, war: ‚Heute darf ich nicht wieder zu der Alten im Wald kommen!’ Doch wie er auch seine Schritte lenkte, nach einer Zeit gelangte er wieder auf eine Lichtung des Waldes und erblickte ein Häuschen auf Hühnerfüssen, das sich im Kreise drehte. Es blieb mit dem Eingang zu ihm stehen. und er trat ein.

 

Drinnen sass die Baba Jaga, urururalt. „Du!“ brüllte er. „Wegen deiner schlechten Ratschläge werde ich meine Ämter und am Ende auch meinen Kopf verlieren! Heute schon kam Andrej mit dem Kater Bajun zum Zaren!“ Die Baba Jaga blickte ihn an und antwortete: „Langsam, langsam. Ich habe dir noch gar keinen Ratschlag gegeben. Du warst gestern bei meiner mittleren Schwester, und wie sie dir schon sagte, versteht Andrej von all dem gar nichts. Es ist seine Frau, die klug und weise ist und die wir überlisten müssen. Wir müssen einfach eine noch schwierigere Aufgabe finden.“ Sie überlegte eine Weile, dann fuhr sie fort: „Sagt ihm doch, er soll nach Ich-weiss-nicht-wo gehen und das Ich-weiss-nicht-was bringen. Das kann er nicht.“ „Da hast du Recht“, lachte der Minister, „das kann er nicht.“

 

Und das fand auch der Zar, als der Minister ihm davon erzählte. Er 1iess Andrej rufen und sprach. „Mein lieber Andrej! Heute habe ich eine ganz aussergewöhnliche Aufgabe für dich. Du wirst nach Ich-weiss-nicht-wo gehen und mir das Ich-weiss-nicht-was bringen. Für diesen Dienst werde ich dich mit fünftausend Rubel belohnen. Aber wage es ja nicht, mit leeren Händen wiederzukommen!“ ‚Was war das?’ dachte Andrej. ‚Er wird langsam etwas wunderlich, unser Zar.‘ Er antwortete: „Ja Herr“, und ging davon, ohne lange über diesen Auftrag nachzudenken.

 

Abends aber fragte ihn seine Frau: „Nun, was wollte der Zar heute von dir?“ „Ach der Zar“, antwortete er lachend. „Er sagte etwas Seltsames: Ich solle nach Ich-weiss-nicht-wo gehen und ihm das Ich-weiss-nicht-was bringen. Er ist, glaube ich, nicht mehr ganz richtig im Kopf, unser Zar.“ Aber die schöne Jelena blickte ihn nun sehr ernst an und sprach: „Mein lieber Andrej, das ist kein Unsinn und auch keine Kleinigkeit, sondern eine sehr schwere Aufgabe. Ich weiss nicht, ob es uns gelingen wird, sie zu erfüllen. Warte jetzt mit mir.“ Sie warteten, bis es dunkel geworden war. Dann holte die schöne Jelena ihr fein gesticktes Tuch hervor, breitete es auf dem Boden der Hütte aus und öffnete die Tür. Nach kurzer Zeit kam die grosse Kröte hereingekrochen. „Was befiehlst du, schöne Jelena?“ fragte sie. „Mein Mann, der Jäger Andrej, soll nach Ich-weiss-nicht-wo gehen und das Ich-weiss-nicht-was holen. Kannst du ihm dabei helfen?“ Die Kröte wiegte bedächtig ihren Kopf, dann antwortete sie: „Ein Stück weit kann ich ihn geleiten, aber das Wichtigste muss er selber vollbringen.“ Sie wandte sich zu Andrej und sagte: „Setz dich auf meinen Rücken.“ „Was?“ rief der. „Dabei zerquetsche ich dich doch!“ „Versuch es nur“, meinte die Kröte. Da setzte er sich ganz behutsam auf ihren Rücken. Sie aber holte Luft und blies sich auf. Grösser und grösser wurde sie, bis sie schliesslich so gross war wie ein Pferd.

 

Und dann sprang sie: Mit dem ersten Satz über den Wald, mit dem zweiten über die Stadt, mit dem dritten ans Meer. Mit dem nächsten setzte sie auf die kupferne Insel, wo an der silbernen Säule das Schaf mit dem goldenen Vlies gestanden hatte. Mit dem folgenden auf die silberne Insel mit dem goldenen Baum, auf dem der Kater Bajun gelebt hatte, und schliesslich sprang sie auf die goldene Insel. Hier blieb sie stehen und sprach zu Andrej: „Bis hierhin konnte ich dich bringen, alles Weitere ist deine Aufgabe. Geh nach Ich-weiss-nicht-wo und suche das Ich-weiss-nicht-was. Und viel Glück dabei!“ Andrej bedankte sich bei der Kröte und ging.

 

Er ging dorthin, wohin seine Augen blickten. Er kam zu einer Hütte –da war keine Hütte. Durch eine Tür –da war keine Tür –trat er ein. Drinnen stand ein Tisch –da war kein Tisch, ein Stuhl –da war kein Stuhl –und ein Ofen –da war kein Ofen. Hinter dem Ofen –da war kein Ofen –verbarg er sich. Es ging nicht lange, da öffnete sich die Tür –da war keine Tür –und ein kleines Männchen erschien. Es war kaum grösser als Andrejs Daumen, hatte aber einen Schnurrbart, dreimal so lang wie das Kerlchen selbst. Es setzte sich an den Tisch –da war kein Tisch –und rief: „Gevatter Naum, bring mir etwas zu essen!“ Sogleich erschienen, von unsichtbarer Hand aufgetragen, ein gebratener Ochse und ein Fässchen Wein. Das Männchen säbelte grosse Scheiben von dem Ochsen ab und ass ihn auf bis auf die Knochen. Dazu trank es das Fässchen leer. Dann schrie es: „Gevatter Naum, räum den Tisch ab!“ Augenblicklich verschwand alles wieder, und das Männchen verliess die Hütte –da war keine Hütte.

 

Andrej dachte: ‚So möchte ich es auch einmal haben.’ Er setzte sich an den Tisch –da war kein Tisch –und bat: „Väterchen Naum, könnte ich bitte auch etwas zu essen bekommen?“ Sogleich erschienen köstliche Speisen und Getränke, wie sie Andrej noch nie in seinem Leben gekostet. Doch ehe er zu essen begann, fragte er: „Väterchen Naum, möchtest du nicht mit mir essen? Gemeinsam schmeckt es viel besser.“ „Gern nehme ich deine Einladung an, du herzensguter Mensch!“ hörte er da ein ganz feines Stimmchen. „Tausend Jahre diene ich schon an diesem Ort, aber noch nie hat mich jemand zum Essen eingeladen.“ Andrej sah nun, wie eine Gabel durch die Luft wanderte, ein Stück Fleisch aufspiesste, zurückwanderte, und das Stück Fleisch verschwand. Ein Becher voller Wein wanderte durch die Luft, neigte sich und war plötzlich leer, ohne dass etwas verschüttet wurde.

 

Es war ein etwas unheimlicher Anblick, und so bat er: „Väterchen Naum, könntest du dich nicht meinen Augen zeigen?“ „Nein“, hörte er das feine Stimmchen, „das geht nicht. Ich bin nämlich das Ich-weiss-nicht-was.“ „Oh!“ rief Andrej und machte vor Freude beinahe einen Satz in die Luft. „Du bist das Ich-weiss-nicht-was? Das ist wunderbar, denn ich soll dich zum Zaren bringen. Ohne dich darf ich nicht heimkehren und muss von meiner Frau getrennt sein. Wärest du denn bereit, mit mir zu gehen?“ „Ja“, ertönte das feine Stimmchen. „Ich komme gerne mit dir. Einen besseren Menschen als dich finde ich bestimmt nie wieder. Und du musst keine Angst haben: Auch wenn es den Anschein macht, dass ich dem Zaren gehorche, werde ich in Wirklichkeit nur dir dienen.“

 

So assen die beiden in Ruhe zu Ende. Dann räumte Väterchen Naum den Tisch ab und beförderte den Jäger Andrej im Nu zum Zaren. Der Zar war sehr erstaunt, Andrej so bald wiederzusehen, noch dazu mit leeren Händen. „Ich sagte dir doch, du solltest nicht mit leeren Händen wiederkommen“, sprach er ärgerlich. „Herr“, erwiderte Andrej, „ich ging nach Ich-weiss-nicht-wo und bringe Euch von dort das Ich-weiss-nicht-was. Es ist unsichtbar, und es kann Euch jeden Wunsch erfüllen. “ „Ist das wahr?“ Und ein feines Stimmchen neben ihm ertönte: „So wahr, dass es wahrer nicht geht.“ ,,Nun, wir werden sehen“, meinte der Zar. „Dann soll das Ich-weiss-nicht-was die schöne Frau des Jägers Andrej hierherbringen.“

 

Er hatte kaum ausgesprochen, da stand die schöne Jelena schon bei ihnen. „So“, sprach der Zar und rieb sich die Hände, „und jetzt soll das Ich-weiss-nicht-was den Jäger Andrej ans Ende der Welt befördern, so dass er nie wieder hier auftaucht!“ In diesem Augenblick verschwanden der Zar und sein Minister, und kurz darauf ertönte ein feines Stimmchen: „Sie sind am Ende der Welt, und sie werden nie wieder hier auftauchen.“

 

Nun war das Volk ohne Zaren. Da sie aber einen Herrscher wollten, wählten sie den Jäger Andrej zum Zaren und die schöne Jelena zur Zarin Und das war eine gute Wahl, denn die schöne Jelena war klug und weise, und der Jäger Andrej war freundlich und auch mächtig, nachdem Väterchen Naum ihn begleitete.


Was für ein reiches Märchen. Auch heute noch - lange nachdem ich es zum ersten Mal (erzählt von Gidon Horowitz) gehört habe, staune ich. Dieses Märchen hat mich vor ein paar Jahren eine ganze Woche lang intensiv begleitet und doch habe ich das Gefühl, als ob ich bisher nur "an der Oberfläche gekratzt habe". Der Reichtum an Symbolen in dieser Geschichte ist gewaltig und es ist wunderbar vielschichtig. Aber trotzdem auch kurzweilig, obwohl es das längste Märchen in meinem Repertoire ist und ich es bisher (deshalb) noch nie öffentlich erzählt habe. Die Kinder - und Erwachsenen - denen ich diese Geschichte aber schon einmal erzählt habe, waren aber alle begeistert und ging ihnen noch lange durch den Kopf.

 

Weshalb ich dieses Märchen als Monatsmärchen Juli gewählt habe? Es gibt keinen gewichtigen Grund dafür. Ich mag dieses Märchen einfach und vielleicht hast du ja im Juli mit Sommerferien oder entspannen in der Hängematte Zeit, auch eine längere Geschichte zu lesen bzw. vorzulesen.

 

Viel möchte ich auch gar nicht dazu schreiben. Die Möglichkeiten dieses Märchen mit Kindern anzugehen sind so vielfältig wie die Geschichte selbst:

- Pfeilbogen herstellen und versuchen so treffsicher zu sein wie der Jäger Andrej (nur nicht auf Lebewesen, gell :-))

- gemeinsam einen "Teppich" weben oder mit Naturmaterialien einen "legen"

- ein Hexenhäuschen bauen, fantastischer als jenes der Baba Jaga

- einen Spaziergang / eine Wanderung machen mit Thema der drei Inseln (erste Insel/erster Stopp: etwas das dich zum Lachen bringt, zweiter Stopp: ein Lied singen und dann "einschlafen"/Pause machen, dritter Stopp: Mittagessen)

- philosophieren, was man sich vom Ich-weiss-nicht-was wünschen würde

...

Sicher hast du selbst viele Ideen!

Ich wünsche dir jedenfalls einen wunderbaren Sommer und - falls du Ferien hast - viel Erholung und Entspannung!

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