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Stan Bolovan (Rumänien)

Es war einmal ein Mann, Stan Bolovan hiess er, der hatte eine Frau die immerzu traurig war, weil sie keine Kinder hatte. Und weil sie traurig war, so war er es auch. So ging das eine ganze Zeit.

 

Als Stan einmal unterwegs war, um Getreide zur Mühle zu bringen, traf er auf einen alten Mann. «Was schaust du so traurig, Stan Bolovan?», fragte de Alte und Stan erzählte ihm von seinem grossen Wunsch.

 

«Wenn’s weiter nichts ist», meinte der Alte, «aber bist du dir denn wirklich sicher, dass du dir Kinder wünschst?»

 

«Oh ja», sprach Stan, «viele Kinder!»

 

«Pass nur auf, dass du die alle satt bekommst», meinte der Alte und war auch schon verschwunden.

 

Verwundert machte sich Stan auf den Heimweg. Schon von Weitem hörte er Kindergeschrei und als er zum Haus kam, was sah er: Der ganze Hof, der Garten, das ganze Haus war voller Kinder, eins kleiner als das andere, ganze hundert an der Zahl. Sie sprangen und hüpften, rauften sich und schrien alle durcheinander.

 

«So viele Kinder?», sprach Stan zu seiner Frau und sie meinte: «Und kein einziges zu viel!» So freuten sich die zwei und zum Traurigsein hatten sie gar keine Zeit mehr.

 

Die Tage vergingen und schon bald hatten die hundert Kinder alle Vorräte aufgegessen und reifen: «Vater wir haben Hunger» Da kratzte sich Stan am Kopf und dachte nach: Die Kuh war zu mager, der Garten zu klein und das Getreide aufgegessen – wie sollte er alle satt bekommen? Seine Frau aber meinte: «Wenn dir so viele Kinder geschenkt wurden, dann wirst du auch Essen für sie finden.»

 

So machte sich Stan schweren Herzens auf und nahm sich fest vor, voll beladen mit Essen zurückzukehren. Aber wenn man hungrig ist, ist der Weg weit. Stan wanderte und wanderte und traf schliesslich auf eine Herde Schafe und ihre Schäfer, die hatten auch ihre Not. Um Mitternacht kam nämlich immer ein schrecklicher Drache, der holte sich Milch und Schafe für das Frühstück für sich und seine Mutter und die Herde wurde immer kleiner. Stan hörte sich das alles an, dachte an seine hungrigen Kinder und sprach: «Was würdet ihr mir geben, wenn ich euch von dem Drachen befreie?» «So viel, wie du für dich und die Deinen brauchst.», meinten die Schäfer. Stan war einverstanden und nun brauchte er nur noch auf den Drachen zu warten.

 

Damit er nicht hungrig wurde, hatten ihm die Schäfer einen kleinen Schafskäse gegeben. Um Mitternacht brach der Drache wie ein Sturm übe die Herde und Stan hätte sich am liebsten versteckt, aber da fielen ihm seine hungrigen Kinder ein. Er nahm allen Mut zusammen, stellte sich vor den Drachen und rief: «Halt! Ich bin der starke Stan Bolovan, niemand ist stärker als ich!»

 

Der Drache schaute ihn verwundert an und sprach: «Erst musst du deine Kraft zeigen!» Da griff Stan in seine Tasche, holte den Käse heraus, drückte ihn zusammen, dass das Wasser tropfte und rief: «Kannst du Wasser raus einem Stein drücken, so wie ich?» Der Drache nahm einen Stein vom Boden auf und zerdrückte ihn zu Staub, Wasser aber kam nicht heraus.

 

«Hör mal», meinte der Drache, «so einen wie dich könnte meine Mutter gebrauchen. Wenn du bei uns in Dienst kommst, erhältst du für jeden Tag sieben Säcke voller Goldstücke». Das Schien Stan ein gutes Angebot, und er liess sich vom Drachen zur Drachenmutter führen. Diese war so alt wie die Zeit, sie stand am Feuer und ihre Augen leuchteten rot wie die Glut. Der junge Mann gefiel ihr gar nicht und sie überlegte, wie sie ihn loswerden könnte.

 

Am nächsten morgen erteilte sie ihm die Aufgabe, eine riesige, eisenbeschlagene Keule in die Luft zu werfen. Diese war so schwer, dass kein Mensch sie hätte heben können. Stan stellte sich davor und sprach: «Nun, eigentlich schade um diese schöne Keule.»

 

«Wieso schade?», wollt der Drachensohn wissen.

 

«Nun wenn ich sie werfe, wird sie soweit fliegen bis hinter den Mond und du wirst sie nie wiedersehen.»

 

«Das schaffst du nie und nimmer», meinte der Drache.

 

«Doch, doch, wir müssen nur warten, bis der Mond vorbeigezogen ist, damit ich ihn nicht treffe.»

 

So lange wollte der Drache nun doch nicht warten und zu Hause ging er gleich zur Drachenmutter und sprach: «Oh, weh, das ist ein starker Mann. Ich konnte ihn eben noch daran hindern, die Keule hinter den Mond zu werfen.»

 

Das fand auch die Drachenmutter bedenklich.

 

Am nächsten Morgen gab sie ihnen zwölf leere Lederschläuche, die sollten sie mit Wasser füllen und nach Hause tragen. Stan konnte schon die leeren Schläuche fast nicht tragen und als sie beim Brunnen ankamen, fing er an die Erde rund um den Brunnen aufzuhacken.

 

«Was tust du da?», fragte der Drache besorgt.

 

 «Nun ich finde es einfacher, gleich den ganzen Brunnen mitzunehmen, so müssen wir nicht immer Wasser holen gehen.»

 

«Halt ein», rief da der Drache. «Dieser Brunnen steht schon so lang da, als ich denken kann. Lass mich die Schläuche tragen.»

 

Stan war einverstanden und so ging der zweite Tag zu Ende.

 

Am dritten Tag sollten sie Holz holen und eins, zwei drei, hatte der Drache so viele Bäume ausgerissen, wie Stan es in seinem Leben noch nie gesehen hatte. Stan kletterte daraufhin auf einen schönen Baum und band ein eil daran fest.

 

«Was machst du da?», wollte der Drache wissen.

 

«Ich binde die Bäume zusammen, damit ich den ganzen Wald auf einmal mitnehmen kann!»

 

«Bitte nicht», rief da der Drache. «ich werde dein Holz tragen.»

 

Und so war auch der dritte Tag um, und bei den Drachen sind drei Tage wie ein Jahr, also sollte Stan bald seinen Lohn bekommen.

 

Am Abend hörte Stan wie der Drache mit seiner Mutter sprach: «Ach weh Mutter, gib ihm noch mehr Gold, dass wir ihn bald los sind.» Die Drachenmutter aber meinte: «Du musst ihn heute Nacht mit der Keule erschlagen, dann sind wir ihn für immer los.»

 

Stan hatte alles gehört, legte seine Kleider auf das Bett, legte sich selbst unter das Bett und fing laut zu schnarchen an. Tatsächlich kam schon bald er Drache angeschlichen und hieb mit der Keule ein paar Mal kräftig aufs Bett.

 

Am nächsten Morgen stand Stan Bolovan vergnügt auf und sprach: «Mir ist als hätte mich heute Nacht ein Floh gezwickt.»

 

Da zitterten die beiden Drachen vor Angst. Schnell eilte die Drachenmutter, um die Säcke mit Gold zu holen, aber Stan bewegte sich nicht von der Stelle. Wie sollte er die drei schweren Säcke Gold nach Hause tragen?

 

«Was stehst du noch da?», fragten die beiden Drachen besorgt.

 

«Ich habe mir gedacht, dass ich doch noch ein Jahr bei euch bleiben will.»

 

Da erschraken sie, boten Stan dreimal so viel Gold an, wenn er nur nach Hause ginge.

 

«Na gut», meinte Stan. «ich sehe, ass ihr mich nicht behalten wollt, aber alleine will ich nicht zurückgehen. Dein Sohn soll mich begleiten.» Schnell lud der Drache die Säcke voller Gold auf seinen Rücken und ging schon mal voraus, Stan hinterher.

 

Als sie das Haus von Weitem sahen, schaute eines der Kinder aus dem Fenster rund rief: «Schaut, der Vater kommt!» Und obwohl sie eben Brot und Wassersuppe gegessen hatten, kamen alle hundert Kinder hinaus, schwangen ein Messe in der einen und einen Löffel in der anderen Hand. Sie sprangen dem Vater entgegen und riefen: «Vater, wir haben Hunger!» Das war nun zu viel für den Drachen. Er warf die Säcke auf den Boden und ging davon so schell er konnte und ist nie wieder zurückgekehrt. Stan Bolovan und seine Familie sind von dem Tag an immer satt geworden.


Stan Bolovan. Dieses Märchen wird wohl immer einen besonderen Platz in meinem Herzen besitzen. Nein, für einmal nicht, weil ich es aus meiner eigenen Kindheit kenne, sondern weil es eines der drei Märchen ist, die ich am allerersten MärchenKoffer-Auftritt erzählt habe. Ich erinnere mich noch gut daran, als Lisa Straub und ich die Märchen für diesen Auftritt ausgewählt hatten. Ich fand diese Geschichte zwar ganz gut, aber musste von Lisa doch noch überzeugt werden, es zu erzählen. Heute muss man mich nicht mehr überzeugen. Die Spannung, die Drachen, der arme Stan, der es schafft mit seiner Intelligenz und seinem Schalk zwei Drachen, darunter die uralte gefürchtete Drachenmutter, zu überlisten und die hundert Kinder, von denen "kein einziges zuviel" ist. Eine wunderbare Geschichte!

 

Auch Kinder lieben diese Geschichte. Besonders Jungs identifizieren sich nicht nur mit Stan, sondern auch mit den Drachen und singen auch beim zugehörigen Lied lauthals mit: "Mir sind starchi Drache. Was mir wennd müend ihr mache ...!". 

 

Und obwohl dieses Märchen witzig daher kommt, bemerkt man bei genauerem Hinsehen auch die leiseren Untertöne: Stan Bolovan, der sich verzweifelt auf die Suche nach einem Wunder macht, um seine Familie ernähren zu können. Der sich ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben in den Dienst von zwei fürchterlichen Drachen begibt, um seiner Familie vielleicht ein besseres Leben bieten zu können und der das schafft, nicht durch seine Stärke oder Macht, sondern einzig durch seine Klugheit. 

 

Diese Geschichte lässt sich am Besten an einem heissen Sommertag erzählen, wenn es so richtig vom Himmel brennt. Vielleicht erfindet man gemeinsam weitere Aufgaben und überlegt, wie Stan diese wohl gelöst hätte, so dass die Drachen nicht merken, dass er gar nicht so stark ist, wie er vorgibt?

 

Vielleicht gibt es sogar die Möglichkeit - unter Anleitung, mit klaren Regeln und einem Schiedsrichter - Drachenringkämpfe auf der Wiese auszutragen und herauszufinden, wer denn der stärkste Drache der Truppe ist. Selbstverständlich gibt es dann für alle ein Kompliment und eine Belohnung bzw. einen Preis.

 

Wer weiss, vielleicht kann ja sogar eine Drachenolympiade daraus werden: Zunächst Armdrücken oder anderswie Stärke beweisen (so wie Stan mit dem Käse), dann Weitwurf (wie Stan mit der Keule), Wassertragen (wie Stan und der Brunnen) und schliesslich noch eine Holzsstaffette in der Holz getragen wird (wie Stan im Wald). Vielleicht hängt man dann am Schluss sogar noch ein Fangspiel an (Stan, der von den Drachen nicht gefangen/getötet werden kann)? 

 

Und dann zum Schluss noch ein wunderbares Feuer und darum ein leckeres Abendessen und sich daran freuen, dass Stan's Familie bis an ihr Lebensende nie wieder Hunger leiden mussten!

 

Geniesst die schönen, warmen und langen Juni-Nächte!

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