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Monatsmärchen September 2018

Die Kristallkugel (Sammlung Gebrüder Grimm)

Es war einmal eine Zauberin, die hatte 3 Söhne. 
Irgendwann, da bekam sie Angst, dass ihre Söhne ihre Macht rauben würden und sie verwandelte den Ältesten in einen Adler. Von diesem Moment an, lebte dieser im Felsengebirge und hin und wieder konnte ihn am Himmel sehen, wie er in grossen Kreisen auf- und abschwebte. Den Zweitältesten ihrer Söhne verwandelte sie in einen Wal. Von nun an, musste dieser im tiefen Meer leben und man sah ihn nur hin und wieder einen mächtigen Wasserstrahl in die Höhe werfen. Beide durften nur 2 Stunden am Tag in ihrer menschlichen Gestalt verbringen. Den Rest des Tages lebten sie als Tier.

 Der Jüngste bekam es nun mit der Angst zu tun, die Mutter könnte auch ihn in ein wildes Tier verwandeln, zum Beispiel in einen Bären oder einen Wolf, und so schlich er sich davon.

 

Auf seinen Reisen hörte er irgendwann vom Schloss der goldenen Sonne und dass dort eine Königstochter auf ihre Erlösung warte. Schon 23 junge Männer hätten versucht sie zu erlösen und alle seien gestorben. Nur noch ein einziger dürfe es jetzt versuchen.

 

Und da sein Herz keine Angst kannte, wollte der jüngste Sohn der Zauberin versuchen, die Königstochter vom Schloss der goldenen Sonne zu erlösen. Er machte sich auf den Weg und fragte jeden, der ihm begegnete, ob sie wüssten, wo sich das Schloss der goldenen Sonne befände. Aber niemand konnte ihm helfen. 

 

Irgendwann, da kam er in einen grossen Wald und er verlief sich darin. Plötzlich erblickte er in der Ferne zwei Riesen, die ihn zu sich winkten. Als er näher kam sprachen sie zu ihm: "Du kommst uns grad recht. Wir streiten, wem dieser Hut gehören soll und da wir beide gleich stark sind, kann keiner den anderen überwältigen. Und da die kleinen Leute klüger sind als wir, sollst du für uns entscheiden!" 

"Weshalb streitet ihr euch überhaupt um diesen alten Hut?" wollte der junge Mann wissen.

Die Riesen lachten: "Du weisst nicht, was für Eigenschaften dieser Hut besitzt: Es ist ein Wunschhut! Jeder der ihn aufsetzt und sich an einen Ort wünscht, befindet sich schon im nächsten Augenblick dort!"

"Ich habe eine Idee!",  sagte der junge Mann,  "Gebt mir den Hut und ich gehe ein Stück des Weges. Dort hinten gebe ich euch ein Zeichen und auf mein Zeichen rennt ihr los. Wer immer von euch beiden zuerst bei mir angekommen ist, dem soll der Hut gehören!"

 

Die beiden Riesen waren einverstanden und gaben ihm den Hut. Der Sohn der Zauberin setzte sich den Hut auf und machte sich auf den Weg. Doch je weiter er sich von den Riesen entfernte, desto mehr wanderten auch seine Gedanken. Irgendwann, da seufzte er laut auf: "Ach wäre ich doch nur schon auf dem Schloss der goldenen Sonne!"

 

Kaum waren diese Worte über seine Lippen gekommen, da befand er sich vor einem Schlosstor auf einem hohen Berg. Er verstand sofort, wo er gelandet war. Neugierig ging er in das Schloss hinein und durchsuchte alle Zimmer. Im letzten Zimmer aber fand er die Königstochter. Als sie sich zu ihm umdrehte, da erschrak er. Sie hatte ein graues Gesicht voller Runzeln langes, strähniges Haar und trübe Augen. "Seid ihr die Königstochter vom Schloss der goldenen Sonne die in aller Welt für ihre Schönheit und ihr gutes Herz bekannt ist?" "Ja die bin ich. Aber lass dich nicht täuschen. Was du siehst, ist nicht meine wahre Gestalt. Ich wurde verwunschen." Wie nahm einen kleinen Handspiegel. "Schau in diesen Spiegel. Er zeigt mein wahres Gesicht." Der junge Mann blickte in der Spiegel und darin sah er eine wunderschöne junge Frau, der die Tränen nur so über die Wangen liefen.

Da fragte er: "Wie kannst du erlöst werden?" "Nur wer die Kristallkugel dem Zauberer, der mich verwunschen hat, vor das Gesicht hält, kann damit seine Macht brechen und mir meine wahre Gestalt zurück geben. Aber schon so viele haben es versucht und sind meinetwegen gestorben. Ich will nicht, dass dir etwas passiert!" "Ich lass mich nicht davon abbringen, es zu versuchen. Also erzähl mir, was ich tun muss."

Die Königstochter erklärte ihm darauf, dass er eine lange Treppe hinter dem Schloss heruntersteigen müsse, bis er an eine Quelle gelangt. Dort müsse er gegen einen mächtigen Stier kämpfen. Wenn er diesen besiegt, dann einsteige dem Stier ein Feuervogel, der in sich ein Ei trägt. Dieses Ei lasse er aber nur fallen, wenn er sich bedroht fühle. In dem Ei befinde sich als Eidotter die Kristallkugel, mit der sie befreit werden könne. Aber er müsse vorsichtig sein, wenn das Ei auf die Erde falle, dann verbrenne alles rundherum und die Kristallkugel ebenso. Und dann sei alles verloren. 

 

Der junge Mann verabschiedete sich von der Königstochter und stieg dann zur Quelle hinab. Unten angekommen bebte die Erde, als der wilde Stier angerannt kam. Der junge Mann kämpfte mit dem Stier und lange Zeit war nicht klar, wie dieser Kampf ausgehen würde. Irgendwann gelang es dem Jungen aber, den Stier zu töten und aus dessen Körper erhob sich ein wunderschöner Feuervogel in die Luft. Der junge Mann überlegte schon hin und her, wie er den Feuervogel verfolgen könne, da schoss ein Adler vom Himmel und jagte den Feuervogel bis zum Meer. Als der Feuervogel vom Adler immer mehr bedrängt wurde, konnte der junge Mann beobachten, wie er ein Ei auf eine Fischerhütte am Strand fallen liess. Die Hütte fing an zu brennen und der junge Mann rannte so schnell er konnte auf die Hütte zu. Er wusste, dass er zu spät kommen würde und die Krstiallkugel geschmolzen sein würde. 

 

Da erhob sich aus dem Meer ein mächtiger Wal und machte mit seiner Schwanzflosse so grosse Wellen, dass die Flammen in der Fischerhütte gelöscht wurden. Der junge Mann suchte sofort nach dem Ei und stellte verwundert fest, dass es noch nicht geschmolzen war. Die Schale war zwar bereits sehr warm und liess sich problemlos öffnen, aber der Kristallkugel war nichts passiert. 

 

Mit der Kristallkugel eilte der junge Mann zu dem Zauberer, welcher die Königstochter vom Schloss der goldenen Sonne verwunschen hat. "Meine Macht ist nun gebrochen.", meinte der Zauberer, "Mit dieser Kristallkugel kannst du auch deinen Brüdern ihre wahre Gestalt zurück geben!"

 

Der jüngste Bruder wollte das gerne tun und so umarmte er schon bald seine beiden älteren Brüder, die ihre menschliche Gestalt zurückerlangt hatten. Dann rannte er aber ins Schloss der goldenen Sonne. Im letzten Zimmer traf er die Königstochter an und als sie sich umdrehte und ihn anstrahlte, da war sie wieder in ihrer wahren Gestalt. Beide freuten sich sehr. 

 

Bald darauf wurde im Schloss der goldenen Sonne ein grosses Hochzeitsfest gefeiert und der junge Mann wurde König vom Schloss der goldenen Sonne. Er hat das Land noch lange und weise regiert und allen Menschen in seinem Volk, ist es gut ergangen.


Dieses Märchen hat mir schon als Kind sehr gut gefallen und war (vielleicht genau deshalb) das erste Märchen, welches ich je erzählt habe. Bisher zwar (noch) nicht auf der Bühne, aber während meiner Ausbildung zur Märchenerzählerin und auch als Lehrperson. Für mich beinhaltet dieses Märchen alles, was es für eine spannende und abwechslungsreiche Geschichte braucht. Ausserdem ist es sehr reich an Symbolen und spannend zu "entschlüsseln", was ich euch in diesem Beitrag aber ersparen werde :-).

 

 Als ich diese Märchen letzthin wieder einmal einer Gruppe Kinder erzählt habe, hat ein Kind eine Frage gestellt, die ich mir bisher aber gar nie überlegt habe: "Was ist mit der bösen Zauberin passiert?"

 

Tatsächlich, die ursprüngliche Fassung, welche die Gebrüder Grimm gesammelt, aufgeschrieben und herausgegeben haben, spricht überhaupt nicht vom Schicksal der Zauberin mit der eigentlich alles beginnt. So als ob sie nur wichtig war, dafür zu sorgen, dass sich ihr jüngster Sohn auf die Reise begibt. 

Als mir diese Frage gestellt wurde, habe ich zurück gefragt, was das Kind denn glaube, was mit ihr passiert sei. Ich habe die Frage dann auch für alle Kinder der Gruppe geöffnet und es sind viele wunderbare Antworten gekommen. Ich habe genickt und gesagt: "Und das was du dir vorstellst, so ist es in deiner Geschichte auch gewesen." 

 

Kinder haben ein sehr feines Gespür für Gerechtigkeit und es ist tatsächlich seltsam dass in einem Märchen jemand, der so offensichtlich "böse" ist, keinerlei Bestrafung erfährt.  Und so habe ich mich gefragt, ob es vielleicht früher sogar so war, dass die "Zauberin" und der "Zauberer" ein und die selbe Person waren und das in der Überlieferung verloren ging? Wir werden es wohl nie erfahren, ... aber was ich damit aufzeigen wollte ist: Kinder wissen meist sehr gut, wie eine Geschichte "gerecht" aufhört bzw. können ein Ende erfinden mit dem sie gut leben können und das für sie in diesem Moment Sinn macht.

 

Wenn ihr dieses Märchen euren Kindern erzählt, gibt es verschiedene Ansätze auf die man eingehen könnte:

 

- Elemente/Tiere: Luft/Adler, Wasser/Wal, Erde/Wolf, Feuer/Feuervogel und Stier)

- Wunschhut:  Wo würdest du dich gerade hinwünschen? Weshalb? 

- Riesen: Wie hättest du ihren Streit gelöst?

- Feuervogel basteln oder malen 

- Kampf mit dem Stier (vorsichtig) nachspielen

Vielleicht hast du ja noch ganz andere Ideen, wie du diese Geschichte mit Kindern teilen würdest?

Jedenfalls wünsche ich euch wunderbare Märchenstunden im September und danke fürs Lesen!

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