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Das Heilwasser - Nicole Krähenmann

 Es war einmal vor langer Zeit, da lebte ein König, der hatte drei Söhne. Die drei Söhne des Königs machten sich grosse Sorgen um ihren Vater, der schwerkrank im Bett lag. Jeden Tag wurde er schwächer und niemand wusste weshalb.

 

Einmal an einem frühen Morgen, sah der älteste Königssohn vor dem Schloss eine uralte Frau, die Durst hatte. Er brachte ihr Wasser. Sie bedankte sich und flüsterte: „Wenn du euren Vater retten willst, geh ein Jahr zum Wanderfalken in die Lehre, um den Weitblick zu erlernen.“

 

Um den Mittag spazierte der zweitälteste Sohn an der alten Frau vorbei. Sie hatte grossen Hunger und so gab er ihr etwas zu essen. Als sie sich bedankte, flüsterte sie ihm zu: „Wenn du euren Vater retten willst, suche die Kröte auf und lass dich unterrichten in Weisheit.“

 

Als der Jüngste am Abend nach Hause kam, fand er die gleiche alte Frau zitternd vor dem Schlosstor. Er sorgte dafür, dass sie sich am Feuer im grossen Saal wärmen konnte. Sie bedankte sich und flüsterte ihm zu: „Wenn du euren Vater retten willst, musst du zum Reh in die Lehre, um Warmherzigkeit zu lernen. Nach einem Jahr triff deine Brüder im Nebelgebirge. Nur das Heilwasser des einäugigen Riesen kann euren Vater retten!“

 

Die Brüder vereinbarten, dem Rat der alten Frau zu folgen. Nach einem Jahr wollten sie sich am Fusse des Nebelgebirges treffen. So ging ein jeder seiner Wege. Der Älteste kletterte auf hohe Felsen und begab sich dort zum Wanderfalken in die Lehre. Der Zweitälteste stieg hinunter, tief ins Erdenreich und wurde Lehrjunge bei der Kröte. Der Jüngste aber wanderte in den dichtesten Wald und das Reh wurde seine Lehrmeisterin. Nach einem Jahr fanden sie sich am vereinbarten Treffpunkt im Nebelgebirge ein.

 

Verzweifelt suchten sie nach der Höhle des einäugigen Riesen, konnten sie aber nirgends entdecken. Erst nach drei Tagen und drei Nächten gelang es dem Ältesten die Höhle mit seinem Weitblick zu erspähen. Vor dem Höhleneingang riefen sie nach dem Riesen. Der Boden zitterte, als der Riese mit schweren Schritten aus der Höhle trat und vor den drei Königssöhnen stehen blieb. Er sah furchteinflössend aus mit seinem einen Auge. „Was suchst ihr hier?“, fragte er mit grollender Stimme. „Wir brauchen dein Heilwasser für unseren Vater.“, antworteten die Brüder wie aus einem Munde. Der Riese überlegte. Dann brummte er: „Ich darf euch das Heilwasser erst geben, wenn euch als würdig erwiesen habt. Dafür müsst ihr zwei Aufgaben bestehen.“

 

Er führte sie in seine Höhle und in einen Raum voller Becher: Becher aus Gold, aus Silber, aus Zinn und aus Holz. Becher in allen Formen und Grössen. „Findet den einzigen Becher, der euren Vater gesund machen kann.“ Mit diesen Worten liess der Riese die Brüder alleine.

 

Drei Tage und drei Nächte lang untersuchten sie jeden Becher und versuchten herauszufinden, welcher der Richtige sein könnte. Dann überliessen die Brüder es dem Zweitältesten, die Aufgabe mit seiner Weisheit zu lösen. Der Zweitälteste wählte schliesslich den einfachsten, unscheinbarsten Becher aus Holz. Er übergab ihn dem Riesen mit den Worten: „Der Becher, der unseren Vater gesund macht, braucht keinerlei Verzierung oder Schmuck. Der Inhalt wird das Wertvollste sein und uns alle wieder glücklich machen.“ Der Riese nickte zufrieden und sprach: „Jetzt müsst ihr noch die zweite Aufgabe bestehen!

Er führte die Königssöhne tiefer seiner Höhle. „Findet heraus, was mir das Wichtigste ist auf der ganzen Welt!“ Die drei Königssöhne durchsuchten die ganze Höhle des Riesen drei Tage und drei Nächte lang. Sie fanden Berge von Gold und Silbermünzen, Juwelen und kostbare Teppiche. Schätze, soweit das Auge reichte. Sie beschlossen die Wahl dem Jüngsten zu überlassen. Dieser beobachtete den Riesen lange Zeit aufmerksam. Dann fiel ihm in seiner Warmherzigkeit etwas auf. Er rief: „Ich weiss, was dir das Liebste ist. Komm, ich flüstere es in dein Ohr.“ Der Riese beugte sich neugierig zum ihm herunter und der Jüngste flüsterte ihm zu: „Du trägst drei Ringe aus goldenem Haar an deinen Fingern. Das was dir das Wichtigste ist auf dieser Welt, sind deine drei Töchter!“

  

Der Riese lächelte und bedeutete den Brüdern ihm zu folgen. Gemeinsam stiegen sie schweigend ins Tal hinunter, bis zu einer Quelle. Dort tauchte der Riese den Holzbecher ins Wasser und übergab ihn dem Jüngsten. Der Riese versprach, seine Töchter bald zum Schloss zu bringen, so dass die Königssöhne sie kennen lernen konnten. Dann verabschiedete er sich von den Königssöhnen.

 

So schnell sie nur konnten, machten sich die Brüder daraufhin auf den Heimweg. Im Schloss angekommen gaben sie ihrem Vater das Heilwasser zu trinken. Der König wurde gesund und das ganze Land freute sich mit ihnen. Wenig später wurde im Schloss ein grosses Fest gefeiert. Jeder der drei Brüder heiratete eine der Töchter des Riesen und diesem rannen Tränen der Freude aus seinem Auge.

 

Als der König viele Jahre später starb, regierten seine Söhne gemeinsam das Reich mit Weitblick, Weisheit und Warmherzigkeit. Und sie haben noch lange glücklich miteinander gelebt!


Phu, das hat mich nun doch einiges an Überwindung gekostet! Denn das Märchen, welches ihr oben lesen könnt, stammt aus meiner Feder. Vor ein paar Jahren hat die Lokalzeitung hier einen Schreibwettbewerb veranstaltet zum Thema Märchen. Über 250 Geschichten wurden eingesandt und die 50 besten schafften es in ein Buch. Dieses Buch steht heute in meinem Märchenregal und ist voller wunderbarer Geschichten. Nicht alle Autoren haben das Thema so ernst genommen wie ich, denn ich wollte ein absolut klassisches Zaubermärchen schreiben, wie man es z.B. in der Sammlung der Gebrüder Grimm finden könnte.

 

Weshalb es mich Überwindung gekostet hat dieses Märchen als Monatsmärchen zu posten? Ich habe schon gerne geschrieben, seit ich lesen kann :-). Allerdings bisher nur für mich oder dann mal für den einen oder anderen Wettbewerb. Es jetzt aber doch öffentlich zu machen - mit dem Gedanken daran vielleicht in naher Zukunft daraus ein weiteres Angebot zu machen - ist ein grosser Schritt, denn Schreiben ist - wie du dir vielleicht denken kannst - sehr persönlich und es steckt viel von mir in jedem meiner Texte.

 

Nun aber zurück zum Märchen. Dieses Märchen beinhaltet das Thema der drei Brüder. Anders als bei vielen Volksmärchen aber, arbeiten diese zusammen und nicht gegeinander. Ein Bruder ist "stark", einer "weise/schlau" und einer hat ein "gutes Herz". Zusammen ergeben sie einen "guten König". Die Adjektive sind nicht buchstäblich zu verstehen, denn "Stärke" kann auch von innen kommen usw. Und obwohl es hier drei Brüder sind, will uns die Geschichte zeigen, welche drei Eigenschafte es braucht, um ein "guter König bzw. Mensch" zu sein.

 

Heute finde ich es schwierig Tipps zu geben, wie ihr die Geschichte mit Kindern besprechen könnt, obwohl ich das Märchen auch ehemaligen SchülerInnen erzählt habe. Sicher spannend könnten die Tiere sein, die den Königssöhnen helfen oder die alte Frau zu Beginn. Auch die Aufgaben des Riesen selbstverständlich... und weshalb es nur zwei waren.
(Antwort: Die dritte Aufgabe war es, die Höhle des Riesen überhaupt zu finden).

 

Oder ihr macht es grad ganz anders und versucht mit den Kindern selber eine märchenhafte Geschichte zu erfinden. In der Schule hab ich dies jeweils mit Story Cubes eingeführt. Die gibt es übrigens auch als App! Wäre doch noch schön, an einem Abend gemeinsam als Familie ein eigenes Märchen zu entwickeln! Viel Spass damit!

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